“Validierung, Anpassung, Entwicklung und Test werden von uns mit bis zu € 25.000 pro Team gefördert.”

Interview mit Dr. Klemens Gaida, Experte bei Ignition, Mitgeschäftsfüher des digihub Düsseldorf/Rheinland, Co-Founder von 1stMover

Klemens Gaida ist ein Multiplayer, wie man sie in der Startup-Welt häufig findet. Als Geschäftführer der Inkubators 1stMover betreut ist er Mentor und Förderer von Startups, gleichzeitig leitet er das digihub Düsseldorf/Rheinland, welches das Accelerator-Programm “Ignition” anbietet. Im Interview erzählt er von seinen vielen Rollen, gibt Einblicke in die verschiedenen Finanzierungsmöglichkeiten für Startups und gibt wertvolle Tipps für Gründer.

Zunächst zu dir: Wie bist du in der Startup-Welt gelandet?

Nach meinem Ingenieursstudium habe ich zunächst eine klassische Karriere als Unternehmensberater und anschließend Konzernmanager eingeschlagen. Dabei habe ich immer wieder neue digitale Geschäfts- und Produktideen entwickelt, sodass irgendwann der Punkt da war, ein eigenes Unternehmen zu gründen – 1stMOVER -, das einerseits Startups fördert und mitentwickelt und das andererseits Unternehmen in den Bereichen “Open Innovation” und “Neues Digitalgeschäft” berät. D.h. auf der einen Seite verdienen wir Geld mit Unternehmen und auf der anderen Seite investieren wir einen Teil davon in neue Startup-Projekte.

Was genau sind deine Rollen?

Für die von uns unterstützten Startup-Projekte bin ich persönlich Coach und teilweise sogar Mitgründer & Mitarbeiter und für die von uns unterstützen Unternehmen bin ich Strategic Advisor, Senior Expert und Projektmanager in Sachen Digitale Geschäfts- und Produktentwicklung.

Was genau macht 1stMover?

1stMOVER hat sich wie bereits erwähnt auf die Themen “Startup-Entwicklung”, “Open Innovation” und “Neues Digitalgeschäft” spezialisiert. Wir unterstützen insbesondere die Zusammenarbeit von Startups, Unternehmen, Hochschulen und Investoren, wir bringen diese Akteure in Rahmen von Pilotprojekten, Entwicklungs- und Vermarktungskooperationen zusammen, und wir begleiten die Entwicklung und Umsetzung von neuen digitalen Geschäfts- und Produktideen – sowohl für Startups als auch für Unternehmen.

Der digihub Düsseldorf /Rheinland, dessen Geschäftsführer du neben Peter Hornik bist, richtet das Accelerator-Programm “Ignition” aus. Für wen ist dieses Programm gedacht und wie kann man sich die Teilnahme vorstellen?

Aus dem 1stMOVER-Betrieb heraus erfolgte der Auftrag der Stadt Düsseldorf für den Aufbau des Digital Innovation Hub Düsseldorf/Rheinland, der als regionaler Matchmaker für Mittelstand, Startups, Hochschulen und Konzerne zur Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle, Produkte und Lösungen fungiert. Der digihub legt dafür verschiedene Innovationsformate auf (z.B. Hackathon, Demo Day, Idea Slam, Barcamp) und betreibt das Accelerator-Förderprogramm “Ignition” für Startup-, Hochschul- und Company-Teams. Frisch formierte Teams können sich dabei für ein 3-5 monatiges Förderprogramm bewerben, um gemeinsam mit anderen Teams einer “Förderklasse” bei uns im digihub-Coworking-Space (in Kooperation mit dem Startplatz Düsseldorf) ihre Geschäfts- und Produktideen professionell zu validieren, anzupassen und für einen ersten Markttest zu entwickeln. Validierung, Anpassung, Entwicklung und Test werden von uns mit bis zu € 25.000 pro Team gefördert.

Wonach sucht ihr die Teilnehmer aus?

Die Teilnehmer müssen für Ihre Bewerbung zunächst ein sogenanntes “Pitchdeck” – eine Kurzvorstellung ihrer Geschäfts- und Produktidee – einreichen und werden dann für ein persönliches Treffen und eine Präsentation vor einer Jury eingeladen. Dabei werden im Wesentlichen fünf Kriterien geprüft und von der Jury von sehr gut bis sehr schlecht bewertet: Innovationsgrad/Originalität, Markt-/Umsatzpotenzial, Wettbewerbsumfeld, Teamqualifikation und Pitchqualität. Wenn alle Kriterien gut bewertet werden, muss sich das Team auch noch explizit bereit erklären, wirklich 3 bis 5 Monate bei uns im Coworking-Space intensiv mit uns und den anderen Teams zusammenarbeiten. Hier ist also echtes Commitment der Bewerberteams gefragt!

Durch deine Multiplayer-Rolle hast du besonders tiefe Einblicke in die verschiedenen Startup-Fördermöglichkeiten. Welche verschiedenen Förderarten gibt es und welche ist für wen die richtige?

Für die Beantwortung dieser Frage habe ich zwei Grafiken von 1stMOVER bereitgestellt. In der ersten Grafik sind die verschiedenen Startup-Förderer und Finanzier und deren Leistungen entlang des Entwicklungspfads “Pre-Seed > Seed > Early Stage” eines Startups dargestellt.

Das Ignition-Programm ist ein Accelerator-Programm (der orange Bubble), das im Wesentlichen Co-working-Space, Know-how, Coaching und erstes Startkapital bereitstellt. In einigen Fällen – wie bei Ignition – als reine Förderung ohne erforderliche Anteilsabgabe der Startups, in anderen Fällen bereits mit der Abgabe von Unternehmensanteilen.

Ab der Finanzierung durch Business Angels gibt es Geld nur noch gegen Unternehmensanteile (bzw. Wandeldarlehen wie z.B. beim High-tech Gründerfonds HTGF, Deutschlands größtem und aktivstem Frühphasen-Venture Capitalist (VC) mit aktuell ca. 500 Startup-Beteiligungen).

1stMOVER ist ein kleiner Inkubator (der grüne Bubble), wie finanzieren pro Jahr 1-2 Startups mit bis zu € 100 Tsd. und arbeiten gemeinsam mit den Startups an der Produkt- und Unternehmensentwicklung. Allerdings sind wir in den letzten zwei Jahren sehr viel vorsichtiger und selektiver geworden, weil das Ausfallrisiko in dieser frühen Phase sehr hoch ist, wie man mit einem Blick auf unser 1stMOVER-Portfolio sieht.

Eine Sonderform der Förderung & Finanzierung sind sogenannte Company Builder wie z.B. Rocket Internet, die um ein Gründerteam herum das gesamte Unternehmen aufbauen, von der Technik bis zum Marketing. Für diese Sicherheit erhalten die Gründer aber weitaus weniger Unternehmensanteile, als wenn Sie eigeninitiativ und selbständig ihr Unternehmen aufbauen.

Über alle Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten hinweg muss sich ein Startup-Team grundsätzlich genau überlegen, welche Unterstützungsmöglichkeiten es wirklich benötigt und nutzen möchte, denn jede Finanzierung bedeutet aufwändige Vertragsverhandlungen und vor allem die Abgabe von Unternehmensanteilen. Wenn ein Team theoretisch jede Finanzierungsmöglichkeit nutzen würde, besitzt es am Ende selbst nur noch sehr wenige Unternehmensanteile, häufig auch noch gepaart mit Erlöspräferenzen zu ihren Ungunsten.

In der zweiten Grafik ist dargestellt, welche Voraussetzungen ein Startup mitbringen muss, um überhaupt einen Förderer & Finanzierer erfolgsversprechend ansprechen zu können. Wenn bisher nur eine fixe Idee ohne festes Team existiert, kann man sich als Gründer am besten erst einmal an einem Businessplan-Wettbewerb beteiligen, um Erfahrungen zu sammeln, ggf. Mitgründer zu finden und im Erfolgsfall etwas Geld zu bekommen, z.B. um eine Produktidee mit Hilfe einer einfachen Website erstmalig mit potentiellen Kunden zu testen.

Sobald Unternehmensanteile für eine Finanzierung abgegeben werden sollen, muss natürlich eine Kapitalgesellschaft vorhanden sein, am besten gleich eine GmbH, die inzwischen auch in Deutschland einfach zu gründen ist. Je größer die Finanzierung sein soll, desto mehr muss das Startup an Substanz und ersten Markterfolgen nachweisen können, wobei die Company Builder wie besprochen eine Sonderform sind, die von Anfang direkt viel Geld in ihre Startups investieren, um schnell zu wachsen oder schnell zu scheitern.

Für die Ansprache der verschiedenen Startup-Förderer und Finanzierer gibt es zwar in vielen Fällen offizielle Kontaktstellen, der beste Weg ist aber immer noch die persönliche Kontaktherstellung, z.B. über andere, bereits geförderte Gründer oder über das Kennenlernen von Startup-Scouts von VCs auf Startup-Veranstaltungen.

Dieses Portal accelerate.nrw ist ebenso ein Angebot des digihubs. Mit welchem Ziel habt ihr accelerate.nrw gestartet?

Mit dem Portal “accelerate.nrw” wollen wir Transparenz schaffen in dem Dschungel dieser speziellen Frühphasen-Förderprogramme für frisch formierte Startup-Teams, und das mit Fokus auf NRW. Wir wollen zeigen, was NRW als Gründerland in Sachen Acceleration-Programme bietet. Wenn ein solches Programm wirklich einen kompletten Leistungskatalog inkl. Startfinanzierung “all-in-one” für Startups bietet, ist es m.E. die beste Möglichkeit für ein Startup erfolgreich zu starten.

Allerdings sind den Gründern bei weitem nicht alle Programme in NRW bekannt und es ist teilweise schwierig herauszufinden, was welches Programm wirklich anbietet – z.B. doch nur Co-working-Space oder wirklich “All-in-One”-Leistungen inkl. Startfinanzierung? Darüber hinaus haben die Programme in vielen Fällen einen Themenfokus, was einem Startup hilft besonders tief und schnell in eine bestimmte Industriebranche einzutauchen und dort über das Accelerator-Team schnell & einfach Kontakte zu potentiellen Kooperationspartnern und Pilotkunden zu machen.

Ein förderwilliges Startup-Team soll mit dem Portal “accelerate.nrw” ein Tool zur Hand haben, das ihm hilft, das für ihn richtige Programm schnell zu finden, sich mit den individuellen Förderdetails eines Programms vertraut zu machen und sich direkt bei einem Programm zu bewerben. Darüber hinaus bietet das Portal “accelerate.nrw” eine Fülle von immer wieder aktuellen Zusatzinformationen, Erfahrungsberichten und Experteninterviews rund um das Thema “Acceleration”, sodass ein Startup in NRW speziell für diese frühe Förderphase wirklich (fast) alles findet, was es braucht.

Ein gewollter Nebeneffekt ist, das auch Unternehmen, die überlegen ein eigenes Corporate Accelerator-Programm aufzulegen, auf “accelerate.nrw” sehen können, auf welche unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichem Erfolg Accelerator-Programme gestaltet und betrieben werden können.

Passend zum offiziellen Launch des Portals “accelerate.nrw” werden wir im Juni einen gleichnamigen Accelerator-Summit veranstalten. Beim Accelerator-Summit stellen sich alle in NRW ansässigen und aktiven Accelerator-Programme auf der Bühne, in einer Ausstellung, in einem Speedating und in Alumni-Workshops interessierten Startups, Gründungswilligen und auch Hochschul- & Company-Teams/Spinoffs vor, ergänzt um Fachvorträge international bekannter Programme (z.B. Y-Combinator, 500 Startups, Plug’n’Play).

Wie bewertest du die Startup-Szene in NRW im nationalen und internationalen Vergleich? Was würdest du dir noch wünschen?

NRW hat in den letzten drei Jahren wirklich massiv aufgeholt, was Anzahl, Qualität und Förderung von Startups im nationalen und internationalen Vergleich betrifft. Wenn das Silicon Valley, London, Stockholm, Paris, Tel Aviv und andere Champions League sind, waren die NRW-Städte bis vor einigen Jahren nur Regionalliga mit ganzen wenigen Startup-Leuchttürmen wie Trivago. Heute spielen große NRW-Städte wie Köln, Düsseldorf, Bonn, Aachen und Dortmund – angefeuert durch zahlreiche Co-working-Spaces und Förderprogramme – zumindest schon Bundesliga. Und das auf einem sehr engen Raum, so dass auch vermehrt ein regionaler Austausch und ein regionales Startup-Ecosystem entstehen. Und gerade im B2B-Bereich sitzen für NRW-Startups sehr viele Unternehmenskunden direkt um die Ecke.

Hast du Tipps für Gründer, was sie unbedingt tun sollten, damit ihre Geschäftsidee Erfolg hat?

Aus meiner eigenen, teilweise auch leidvollen Erfahrung kann ich sagen, dass 100 Prozent Commitment und 100 Prozent Kundenfokus die entscheidenden Erfolgsfaktoren sind. Ich habe viele kompetente Gründer mit guten Ideen kennengelernt – der Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg beruhte m.E. in sehr vielen Fällen darauf, dass das Gründerteam wirklich nichts anderes macht, als mit Volldampf an der Konzeptvalidierung, an der Konzeptanpassung an die wirklichen Kundenbedürfnisse und erst dann an der technischen Umsetzung der weiterentwickelten Geschäfts- und Produktidee zu arbeiten. Hier kann ein Accelerator-Programm wie “Ignition” hervorragend unterstützen, Freiräume schaffen und den richtigen Kundenfokus trainieren. Es gibt kaum ein Geschäfts- und Produktkonzept, das als Originalidee 1:1 schnell und erfolgreich den Markt erreicht. In fast allen Fällen benötigt man ein längeres Durchhaltevermögen und die Offenheit, seine Geschäfts- und Produktidee solange zu verändern, bis der sogenannte “Product-Market-Fit” so weit wie irgendwie möglich erreicht ist. Denn auch hier gilt: “Knapp daneben ist auch vorbei.”